Eine Welt ohne Erinnerungen

Und wieder möchte ich ein Buch vorstellen. Ich hatte es bei einem Gewinnspiel gewonnen und habe mich sehr darüber gefreut.
Das Buch wurde Ende der 1990er von Lois Lowry geschrieben und heißt „Hüter der Erinnerung“. Diese Buch wurde dieses Jahr mit Starbesetzung verfilmt und daher interessierte mich das Buch.
Jonas ist ein fast zwölfjähriger Junge, der in einer Welt ohne Gewalt, Schmerzen, aber auch ohne Liebe und Zuneigung lebt. In seiner Gemeinsamschaft wird von Geburt an alles gelenkt, es gibt viele Regeln um das höfliche Zusammenleben zwischen den Menschen zu garantieren. Die Menschen müssen nichts selber entscheiden, denn die Entscheidungen werden alle vom Komitee getroffen. Dabei beginnt es bei der „Zuteilung“ der Säuglinge an die Familien, über das Binden der Haarbänder der Mädchen, der Fortbewegung mit dem Fahrrad bis hin zur Sprachentwicklung der Kinder. Morgens wird über Träume und abends über die Gefühle des Tages geredet. Alles hat seinen festen Ablauf und niemand hinterfragt die Gesellschaft.

Jedes Jahr im Dezember werden die Kinder einer Zeremonie unterzogen, die von der Namensgebung als Säugling bis zum Ausbildungsstart mit zwölf Jahren. Da Jonas nun ein „Zwölfer“ wird, steht die wichtigste Entscheidung seines Lebens an, denn er wird erfahren, welchen Beruf er zukünftig ausüben wird. Die Zeremonie dauert zwei Tage und erst am zweiten Tag wird die Berufswahl verkündet. Als Jonas aber übergangen wird und all seine Freunde einen passenden Beruf zugeteilt bekommen haben, wird er panisch. Erst zum Schluss wird im eröffnet, dass er der zukünftige Hüter der Erinnerung wird. Der Hüter der Erinnerung ist die wichtigste Person in der Gemeinschaft, da er alle Erinnerungen seit vielen Generationen in sich trägt und er dem Komitee bei Entscheidungen hilft, bei denen sie keine Erfahrung haben. Jonas wird eine gesellschaftlich hoch angesehene Ehre zugetragen.

Verwirrt über diese Entwicklung geht er am nächsten Tag zu seinem neuen Ausbilder, dem aktuellen Hüter der Erinnerung, den er Geber nennen soll. Der Geber gibt nach und nach alle Erinnerung an Jonas weiter. Diese Erinnerung spiegeln alles wieder, was frühere Welten, also unsere Welt, ausgemacht haben. Angefangen von einer Schlittenfahrt im Schnee, über Sonnenbrand, gebrochene Gliedmaßen, Kriegsschachtfelder, Farben, Sonnenschein und Meeresrauschen. Der Geber zeigt Jonas eine Welt mit Gefühlen, Farben und Wärme, aber auch mit Schmerzen, Leid und Elend. Erst nach und nach merkt Jonas in was für einer traurigen Welt lebt und wie stark seine Welt von außen beeinflußt wird. Es fängt an, so wie auch der Geber, seine Welt anzuzweifeln, auch wenn sie in einigen Punkten besser, in anderen schlechter ist als die frühere Zeit.

Erst gegen Ende des Buches will er mit Hilfe des Gebers fliehen, denn er musste sehen, was mit den Menschen passiert, wenn sie „freigegeben“ werden. Alte Leute, Menschen, die gegen Gesetze verstoßen und auch Säuglinge, die nicht passen, werden freigegeben. Jahrelang glaubte Jonas, sie würden nach „Anderswo“ geschickt, bis er mitansehen muss, wie ein Zwillingssäugling von seinem eigenen Vater umgebracht wird, da es keine zwei gleichen Kinder geben darf.

Nach diesem Erlebnis und einer weiteren Freigabe, die einen weiteren Säugling betrifft, der wegen Durchschlafproblemen bei Jonas Familie zwischenversorgt wurde, fasst Jonas den Entschluss, das „Anderswo“ zu suchen und der Gesellschaft die Erinnerungen zurückzugeben, die der Geber ihm ein Jahr lang gegeben hat. Er flieht also mit dem Säugling Gabriel in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf dem Fahrrad seines Vaters. Dabei stoßen beide schnell an ihre Grenzen, da sie vollkommen auf sich allein gestellt sind und somit auch Kälte und Hunger leiden müssen. Erst kurz vor Ende scheint es einen Lichtblick zu geben.

Das Buch lies sich sehr schnell lesen und war flüssig geschrieben. Die Welt, die gezeichnet wird, entrollt sich nach und nach. Erst nach einer Weile wird einem klar, dass die Welt keine Farben hat und Jonas ab und an kleine Farbflecke sehen kann, auch wenn er nicht weißt, was sie bedeuten. Und ebenso wird einem erst im Laufe des Buches klar, was dieser Welt fehlt. Diese Welt scheint perfekt, wird aber nach und nach verwackelt und die Reaktionen Jonas sind sehr gut nachvollziehbar. Unwissenheit ist in dieser Welt ein Segen.
Das Buch nimmt am Ende sehr an Fahrt auf, braucht bis dahin aber schon lange um in Fahrt zu kommen. Das Ende ist offen und lässt viel Raum zu Spekulationen und schreit förmlich nach einer Fortsetzung.